SWP Vier Setschin

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4 PORTRÄTDonnerstag, 28. September 2017Putins allerbester FreundEinmal, damals noch als Portu-galist-Student, war Igor Set-schin mit zwei Kommilitonen in der Leningrader S-Bahn un-terwegs. Seine Freunde hatten getrunken, lärmten, ein Schaffner alarmierte die Miliz. Der jun-ge Setschin aber war nüchtern. Als er be-merkte, dass an der nächsten Haltestel-le Ordnungshüter zusteigen würden, streifte er die Armbinde eines Hilfspoli-zisten über, packte seine Kumpel und zerrte sie schimpfend aus dem Abteil. Er rettete sie durch diese Scheinverhaftung vor echten Schwierigkeiten mit der Staatsgewalt. Einer, der die Seinen nicht im Stich lässt.Heute ist Setschin Generaldirektor des russischen Ölkonzerns Rosneft, einem Unternehmen, das 280 000 Mitarbeiter und mehr Ölreserven als jede andere Fir-ma der Welt hat –  37,7 Milliarden Barrel Öläquivalent, genug, um Deutschland 43 Jahre lang zu versorgen. Ausgerech-net bei diesem Giganten hat der deutsche Exkanzler Gerhard Schröder (SPD) mor-gen beste Aussichten, von der Aktio-närsversammlung zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats gewählt zu werden. Seine Hauptaufgabe im Aufsichtsrat könnte es dann sein, Igor Setschin zu kontrollie-ren. Der gilt als zweitmächtigster Mann Russlands und als Manager mit sehr ei-genwilligem Geschäftsgebaren.„Das sind Staatsgeheimnisse“Im November lud Setschin Wirtschafts-minister Sergei Uljukajew in sein Büro ein. Erst tranken sie dort Tee, dann drückte ihm Setschin einen Geschenk-korb mit Wurst und Wein sowie einen Aktenkoffer mit zwei Millionen Dollar in die Hand. Als der Minister wieder in sei-nen Dienstwagen stieg, wurde er von Be-amten des Geheimdienstes FSB festge-nommen. Zuvor soll Uljukajew sich ge-gen den Kauf der Ölfirma Baschneft durch Rosneft gesperrt haben. Jetzt steht er als Schmiergelderpresser vor Gericht, auf Grundlage von Aussagen Setschins, der es jedoch ablehnt, als Zeuge aufzu-treten. Und der sich darüber empört, dass während des Prozesses ein Abhörproto-koll seines Geplauders mit dem Minister öffentlich verlesen worden ist. „Das sind Informationen, die Staatsgeheimnisse be-inhalten.“ Vielleicht meint er damit den Wurstkorb, vielleicht seine Äußerung ge-genüber Uljukajew, Chinesen taugten nicht als Investoren bei Rosneft.Kurz danach wurde nämlich bekannt, dass der chinesische Konzern CEFC in einem schwer zu durchschauenden Ver-fahren 14,16 Prozent der Rosneft-Aktien übernehmen wird. Die Chinesen kaufen die Anteile dem Schweizer Rohstoffhänd-ler Glencore und dem Katarer Invest-mentfond QIA für angeblich umgerech-net 7,8 Milliarden Euro ab. Dabei hatten Glencore und QIA selbst erst im Dezem-ber 19,5 Prozent der Rosneft-Aktien er-worben. Experten sprachen von einem undurchsichtigen Hütchenspiel, einen Großteil der Kaufsumme sollen die Rus-sen selbst aufgebracht haben. Kritiker werfen Setschin Intransparenz, Misswirt-schaft und Korruption vor. Die Gewinne seines Konzerns schrumpfen seit Jahren, obwohl der Ölpreis steigt. Wladimir Pu-tin aber lobt Setschin. „Er hat sich als ef-fektiver Manager erwiesen.“Setschin stammt wie Putin aus Lenin-grad, ist wie er Arbeitersohn, machte wie er Karriere beim KGB. Setschin diente vier Jahre als Militärübersetzer in Ango-la und Mosambik, nach seiner Rückkehr arbeitete er im Amt für Außenkontakte der Stadtverwaltung – unter Putin.Putin war der Amtsleiter, Setschin sein Sekretär. „Überall Sekretärinnen“, staun-te ein Besucher, „und plötzlich ein jun-ger, durchtrainierter Mann.“ Setschin saß am Tisch vor Putins Büro, nahm dem Chef Kleinkram und unangenehme Ge-spräche ab. Iwan Petrow (Name geän-dert), ein russischer Geschäftsmann, der inzwischen in Westeuropa lebt, erzählt, er wollte 1995 in Petersburg ein Joint Ven-ture anmelden – dafür brauchte er Putins Unterschrift. Der empfing ihn freundlich und gab ihm zu verstehen, sein Anliegen werde wohl positiv entschieden. Aber draußen im Vorzimmer sei er von Set-schin angesprochen worden: Man müs-se noch bestimmte Kleinigkeiten klären. Setschin habe ihm einen neuen Termin gegeben und gesagt: „Und bringen Sie 10 000 Dollar mit.“„Einer, der keine Fragen stellt“ „Setschin war der Mann, der Putins Be-fehle zu Papier brachte“, sagt der deut-sche Geschäftsmann Franz Sedelmayer: „Für Putin ist er bis heute ein wertvoller Assistent. Einer, der seine Aufgaben er-ledigt, keine Fragen stellt.“ Und auf den Verlass ist, auch privat. Als Putins Frau Ludmilla bei einem Autofall verletzt wur-de, bat sie, Setschin anzurufen, um ihre Tochter abzuholen, die auch im Auto ge-sessen hatte.1996 wechselte Putin in die Präsidial-verwaltung nach Moskau, Setschin folg-te ihm. 1998 schrieb Setschin eine Dok-torarbeit über die Rohstoffwirtschaft, ein Jahr nach Putin. Putin wurde Premier, Setschin Leiter seines Sekretariats, Pu-tin wurde Präsident, Setschin stellvertre-tender Leiter der Präsidialverwaltung. „Setschin ist ein Teil der Gehirnzellen Putins“, sagte ein Minister 2004 der Zeit-schrift Time. Putin mag mit Schröder Schlitten fahren, wahre Geheimnisse teilt er mit Setschin.Mit Putin-Setschin im Kreml begann der Aufstieg des Staatsbetriebs Rosneft. 2002 kaufte das marode Rosneft die Öl-firma Sewernaja Neft für 511 Millionen Euro. „Ein überhöhter Preis, offenbar wurde bestochen, die Branche war em-pört“, sagt Wladimir Milow, damals Vi-ze-Energieminister und heute einer der heftigsten Kritiker Setschins. Der soll hinter dem Deal gesteckt haben. Wie ein Jahr später hinter der Festnahme Michail Chodorkowskis, des Chefs des Ölkon-zerns Jukos. Chodorkowski wurde erst als Steuerbetrüger, dann als Dieb verur-teilt, die Jukos-Filetstücke landeten zum Schnäppchenpreis bei Rosneft. Er warf Setschin später vor, er habe ihn aus Gier und Feigheit ins Gefängnis gebracht.Das Bild vom grauen Kardinal Set-schin, der Putin Böses einflüstert, ist in Russland schon zum Stereotypen geron-nen. Aber auch Setschins schlechter Ruf lässt den Chef besser aussehen. Putin sei-nerseits hat seinem Getreuen immer neue Schlüsselpositionen übergeben: Verantwortlicher Sekretär der Präsidial-kommission für die Entwicklung der Energiewirtschaft. Aufsichtsratschefs der Staatsholding Rosneftegas, die die Akti-enmehrheit bei Rosneft hält. Und Ros-neft-Direktor. Setschin gilt als Super-funktionär. Für Rosneft nicht unbedingtein Segen. „Putin und seine Leute habenden Staat privatisiert“, sagt der Pe-tersburger WirtschaftswissenschaftlerDmitri Trawin. „Für sie ist es natürlichleichter, an das Geld einer Staatsfirma zu kommen, die Setschin kontrolliert.“Milow bescheinigt Setschin eine „so-wjetmafiöse Managermentalität“. Diesersei noch immer Sowjetmensch, prakti-ziere Superzentralismus, gleichzeitig dränge er auf Expansion. Der Staatskon-zern Rosneft hat außer Sewernaja Neftund Yukos inzwischen die ÖlkonzerneTNK-BP und Baschneft geschluckt. „Je mehr Aktiva Du unter Kontrolle bringst,umso mehr überteuerte Aufträge kannstdu an deine Freunde vergeben.“ Dazu kommen Schulden, die zur Jahresmitte ein Rokordhoch von 32 Milliarden Euro erreicht haben.Außerdem schuldet Rosneft laut Mi-low China noch Öl im Wert von schon bezahlten 24,7 Milliarden Euro. Im Au-gust schoss der Schuldenriese Rosneft trotzdem dem venezolanischen Staats-konzern PDVSA sechs Milliarden Euro für noch nicht geliefertes Öl vor. Exper-ten sind sich einig, dass Russland so dasRegime von Nicolás Maduras unterstüt-zen will. Aber sie bezweifeln, dass Vene-zuela das Geld je zurückzahlen wird.  Set-schin selbst betrachtet sich offenbar we-der als Mafiosi noch als Marktwirtschaft-ler: „Ich bin Soldat“, sagte er zu MinisterUljukajew, bevor er ihn festnehmen ließ. Soldaten machen gern Gefangene, Divi-denden interessieren sie weniger.Betriebswirtschaftlich schreit Rosneftaus all diesen Gründen nach einem Auf-sichtsratschef, der bereit ist, dort auszu-misten. „Aber Schröder ist nicht so naiv,dass er irgendetwas unternimmt, was Pu-tin nicht gefällt“, sagt Wirtschaftsexper-te Trawin. Wahrscheinlich wird der Alt-kanzler das tun, wofür ihm die Russenkünftig wohl mindestens 300 000 Euro im Jahr zahlen werden: Stillsitzen.Igor Setschin Morgen könnte Altbundeskanzler Schröder Aufsichtsratschef beim russischen Staatskonzern Rosneft werden. Dort bekommt er es mit dem zweitmächtigsten Mann des Landes zu tun. Von Anastasia Kirilenko und Stefan SchollSeit vielen Jahren beste Freunde: Gerhard Schröder, hier 2009 als Vorsitzender des Aktionärsausschusses der Nord Stream AG, der er auch heute noch ist, mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin.Der Generaldirektor des russischen Ölkonzerns Rosneft: Igor Setschin hat einen denkbar schlechten Ruf. Fotos: imagoSchröder ist nicht so naiv, dass er irgendetwas unternimmt, was dem Präsidenten nicht gefällt.Dmitri TrawinWirtschaftsexperte

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